19.05.2013 – Aufregende Tage mit spannendem Finale in Rotterdam

Nachdem das Wetter am Donnerstag teilweise sogar die regenfesten Fahrzeuge der Urban-Concept Klasse von der Strecke verdrängt hatte, war die Zwischenbilanz des Wettbewerbs sehr dürftig: Nahezu alle Teams, darunter auch viele Rekordhalter aus den vergangenen Jahren, hatten mit Problemen zu kämpfen. In unserer Wettbewerbsklasse hatten erst 8 von 36 Teams, vor allem wegen des starken Niederschlags, einen gültigen Wertungslauf absolvieren können – die hier erzielten Reichweiten lagen dramatisch niedrig, etwa 50% unter denen des Vorjahres.

Teamfoto: Tufast e.V. ecoTeam auf dem Shell Eco Marathon 2013

Freitag

Der Freitag begann zunächst genauso regnerisch wie die Vortage. Nachmittags trocknete die Strecke aber soweit ab, dass auch die Prototypen fahren konnten. Nachdem wir gestern nur einen kurzen Testlauf absolvieren konnten, bestand unserem Fahrzeug mit allen Neuerungen die eigentliche Feuertaufe im Wettbewerb noch bevor: Wie üblich wurde eLi12 plus in Wettbewerbskonfiguration gebracht: Nach den Einstellungen am Fahrwerk folgte die Erhöhung des Reifendrucks und die Installation des Smartphones zur Kommunikation und Übermittlung der Telemetriedaten. Nach der üblichen pre-Run-Inspection, die die Überprüfung der Joulemeter und der Bremseinrichtungen einschließt, ging das Fahrzeug auf die Strecke.

Die ersten Runden liefen problemlos und die ersten guten Rundenzeiten hatten sich eingestellt als eine folgenschwere Meldung über Funk kam: „Lisa hat sich in Kurve fünf überschlagen“. Nach dieser dramatischen Nachricht und wenigen weiteren Funksprüchen ist aber schnell klar: unserer Fahrerin Lisa geht es gut, sie konnte das Fahrzeug aus eigener Kraft verlassen und die anderen Fahrzeuge hinter ihr konnten rechtzeitig bremsen.

Dieser Fall war noch nie eingetreten. Das Fahrwerk war ursprünglich so ausgelegt, dass genau dies verhindert werden sollte. In der Box wurde zudem schnell klar, dass die Solarzellen offenbar stark beschädigt wurden und die Konkurrenzfähigkeit damit vermutlich Vergangenheit war. Die Suche nach der Ursache führte vorerst zu der Vermutung, dass eine starke Unebenheit der Strecke verbunden mit einem starken Lenkausschlag zu dem Unfall geführt haben musste. Bislang hatte das Fahrzeug schließlich nie Probleme in Kurvenfahrten gehabt, sogar Geschwindigkeiten von über 55km/h waren damit schon gefahren worden.

Nach anfänglicher Ratlosigkeit begann das Team den Schaden genau zu begutachten. Das Chassis hatte außer einiger Kratzer und Lackschäden offensichtlich kaum etwas abbekommen und auch die Fahrwerksaufhängung schien unbeschädigt. Die Elektronikspezialisten aus dem Antriebsteam stellten außerdem zur großen Überraschung des gesamten Teams fest, dass ein Strang der Solarzellen noch Leistung lieferte und begannen sofort mit Reparaturarbeiten. Zwei stark beschädigte Zellen konnten entfernt und überbrückt werden und am Ende des Tages konnten die Solarzellen nach endlosen Polierarbeiten tatsächlich wieder in Betrieb genommen werden. Für den nächsten Tag bestand nun wieder die Chance einen Wertungslauf zu absolvieren.

Beschädigungen am ChassisReparatur an den Solarzellen

Samstag – besseres Wetter

Der Samstag begann anders als die vorhergehenden: es regnete nicht und das sollte auch den Rest des Tages so bleiben. Für Sonntag war sogar Sonnenschein vorhergesagt. Außerdem reagierte die Rennleitung auf das schlechte Wetter der vergangenen Tage und gestattete wegen der bisher fehlenden Testmöglichkeiten zwei weitere Versuche. Dies ermöglichte den Teilnehmern nun sechs statt bislang vier Wertungsläufe.

Für den Start in den zweiten Wertungslauf wurde eLi12 plus wieder ausführlich vorbereitet. Der Rückschlag von gestern war vergessen und die Stimmung im Team war sehr gut. Leider löste sich bereits nach wenigen hundert Metern eine Steckverbindung auf einer der Platinen und das Fahrzeug rollte aus. Die Ursache war schnell behoben und eli12 plus ging an diesem Tag ein zweites Mal auf die Strecke. Bereits kurz nach dem Start folgt eine weitere fatale Funkmeldung: „Das Fahrzeug hat sich in Kurve 1 überschlagen.“ – Pause – „Lisa ist unverletzt aus dem Fahrzeug raus.“

Nach anfänglicher Ernüchterung wurde klar, dass die Unfälle von gestern und heute nicht so begründet waren, wie wir bislang vermuteten. Die Suche nach der Ursache wurde also fortgesetzt. Die einzigen Änderungen seit den letzten Testfahrten am Forschungszentrum in Garching waren der Einbau der Joulemeter und Anpassungen an der Lenkübersetzung. Mit diesen Fakten teilte sich das Team in zwei Gruppen. Die eine Gruppe brachte die Lenkübersetzung wieder auf den Stand der letzten Woche und änderte die Montagepunkte der Joulemeter. Diese waren ganz oben im Chassis angebracht und wir vermuteten, dass deren Masse in Verbindung mit der hohen Montageposition den Schwerpunkt des sehr leichten Fahrzeugs soweit nach oben verschoben hatte und damit keine stabile Kurvenfahrt mehr möglich war. Die zweite Gruppe stellte Berechnungen zur maximal möglichen Kurvengeschwindigkeit an. Nach Messung der Stabilität des Fahrzeugs mit Hilfe eines Tisches als schiefe Ebene war klar: wir bewegten uns in schnellen Kurven an der Stabilitätsgrenze und die hohe Einbauposition der Joulemeter konnte tatsächlich den Ausschlag gegeben haben. An dieser Stelle geht ein großes Dankeschön an das Team GAMF vom KESCKEMET COLLEGE in Ungarn, dessen Fahrzeug wir bzgl. des Kippwinkels ebenfalls vermessen durften, um unsere Berechnungen zu verifizieren – und das mitten in der Nacht.

Sonntag – das große Finale bei strahlendem Sonnenschein

Am Sonntag sollte die Strecke um 12:00 Uhr Mittags das letzte Mal für die Prototypen geöffnet werden. Das Wetter war hervorragend, blauer Himmel und Sonnenschein versprachen einen erfolgreichen Tag für alle Fahrzeuge die mit Solarzellen ausgestattet waren. Da wir bislang noch keinen gültigen Wertungslauf absolvieren konnten, war es essentiell, als eines der ersten Fahrzeuge auf die Strecke zu gehen, um möglichst viele Läufe durchführen zu können. Der Tag begann daher für das Team sehr früh, um 06:20 Uhr morgens konnten wir uns den ersten Platz vor der Pre-Run-Inspection sichern. Bereits zwei Stunden später sollten hier mehr als 50 Teams eine Schlange über das ganze Gelände bilden.

Durch diverse Interviews verging die Wartezeit bis zur Streckenöffnung wie im Flug und wir waren als eines der ersten Fahrzeuge auf der Strecke. Das Smartphone lieferte aber durch ein Software-Problem keine Daten zum Fahrtzustand, daher waren wir gezwungen den 4. Wettbewerbslauf abzubrechen. Wenige Minuten später waren wir wieder bereit für den nächsten 5. Wertungslauf. Nach Beginn des Laufs erzielten wir erstklassige Rundenzeiten und keine Anzeichen von Stabilitätsproblemen in Kurven bekräftigten uns, die Probleme des Vortages beseitigt zu haben. Lisa konnte trotz der vielen Fahrzeuge auf der Strecke eine super Linie fahren.

Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit uns: in der achten Runde platzte der Hinterreifen und brachte das Fahrzeug wieder zum überrollen. Glücklicherweise blieb unsere Fahrerin auch diesmal unverletzt. Ein Blick auf die Uhr brachte Dramatik ins Spiel: Die letzten Fahrzeuge würden in 25 Minuten auf die Strecke gelassen und unsere letzte Chance war, bis dahin die komplette Hinterachse auszubauen, um den Reifen wechseln zu können. Unter normalen Umständen dauert dieser Vorgang etwa 45 Minuten.

Das ganze Team arbeitete nun unter höchstem Zeitdruck Hand in Hand. Ersatzreifen und Werkzeug waren schnell vor Ort und so konnten wir als letztes Fahrzeug noch in die Reihung vor dem Start zugelassen werden.

Als eines der letzten Fahrzeuge gingen wir wenig später mit neuem Hinterreifen auf die Strecke. Dies war mit Sicherheit die letzte Chance, auch nur eine Wertung zu erreichen. Wieder zeichneten sich sehr gute Rundenzeiten ab. Das Team hielt unsere Fahrerin Lisa wieder mit Ansagen zum Verkehrsaufkommen vor und nach dem Fahrzeug auf dem Laufenden. Runde um Runde fuhren wir einer Platzierung entgegen. Tatsächlich kam eLi12 plus ganze 30 Sekunden vor dem Zeitlimit ins Ziel und konnte den letzten Wertungslauf erfolgreich abschließen. Nach dem Erscheinen der Meldung über die Gültigkeit des Laufs war auch sofort das Ergebnis des Laufs bekannt: 957,75km/kWh. – Im Vergleich zum Vorjahresergebnis mit 570.1km/kWh eine unglaubliche Leistung, und das mit nur einem Drittel restlicher Leistung durch die Solarzellen.

Die Juroren bestätigen unsere Vermutung: Es ist kein anderes Team unserer Klasse mehr auf der Strecke und – wir konnten es kaum fassen – wir haben in letzter Minute, trotz der vielen Widrigkeiten, den 2. Platz erreicht!

Die Abbildungen rechts und unten mit freundlicher Genehmigung von AP Images for Shell.

An dieser Stelle gilt unser großer Dank unseren Unterstützern und Sponsoren! Sie haben ganz wesentlich dazu beigetragen ein weiteres Mal ein außerordentlich konkurrenzfähiges Fahrzeug zu bauen, das trotz starker Beschädigung eine hervorragende Leistung erzielen konnte. Unsere Hochrechnungen zeigen, dass wir mit unbeschädigten Solarzellen mit großem Abstand den ersten Platz erreicht hätten.

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